So nüchtern wie vor einer OP

Wann wird sie ankommen? Wie wird unser Wiedersehen? Spalten uns ihre Sätze wie Keile oder spielen wir darüber weg? Wird sie herzlich oder kühl sein. Ihre gestrigen SMS waren gespickt mit Herzen und Küssen … sie wird herzlich sein. Ich möchte sie willkommen heißen und backe ein paar Muffins in Herzform. Eins werde ich vor die Wohnungstür stellen – als Überraschung. Ich stelle mir vor, wie sie die Treppe hochkommt und sie mit glitzernden Augen den Muffin hochnimmt, herzhaft hinein beißt und dann zu mir in die Wohnung kommt um mich zu küssen.

 

„Guten Morgen, Liebi, noch 12600 Sekunden, bis ich wieder bei dir bin. <3 Wir bringen Nudeln und Zutaten für Soße mit. Finni macht noch ein Nickerchen :*“

 

„Was ich mache? Ich freu mich auf euch! Was meinst du, steht wohl auf den anderen Würfelseiten?“ Ich erhalte keine Antwort auf diese SMS. Zweifel an der ganzen Geschichte keimen in mir auf. Gegen Mittag sind die Muffins fertig. Eigentlich müssten sie bald eintreffen. Ich schaue aus dem Fenster. Da sind sie! Ich stelle einen Muffin auf einem Teller vor die Tür und spähe aufgeregt durch den Türspion. Als erstes kommt unsere Nachbarin aus der Etage über uns vorbei und sieht den Muffen interessiert an. Nicht für dich! Einige Momente vergehen, bis der nächste Haarschopf hinter dem Geländer zum Vorschein kommt. Es ist: Ihr Bruder. Warum kommt er zuerst hoch? Ich öffne die Tür und begrüße ihn.

 

„Ich soll schon einmal die Zutaten abliefern.“, erklärt er. „Meine Schwester kommt gleich, sie ist noch unten.“

 

„Stell‘s in die Küche.“, grummle ich. „Erzähl nichts von dem Muffin.“

 

„Ich werde nichts sagen.“ Ich schließe die Tür hinter ihm und nehme wieder meine Observationsstellung ein. Shooting Star kommt hoch, sieht den Muffin und fängt an zu lächeln. Sie probiert den Muffin auf der Stelle. Ich öffne die Tür und lasse sie und ihren Vater hinein. Sie nimmt mich in den Arm und gibt mir einen kurzen Kuss auf den Mund, bei dem sich Eiskristalle bilden.

 

„Schmeckt der Muffin nicht?“, frage ich deshalb.

 

„Doch, der ist sehr lecker.“, konstatiert sie freundlich … und trocken. Dann liegt die Kühle also nicht am Muffin. Kurz darauf gibt es Mittag und ich höre mit halbem Ohr zu, wie sie über ihren Urlaub reden. Wenn sie jetzt schon so kühl ist, wird das heute Abend kein inniger Tanz werden. Welche Optionen bieten sich mir? Ich könnte ihr sie sagen, sie soll mitfahren und ich bleibe hier – dann würde sie sich mit ihm treffen und aufs Dorffest gehen. Wenn wir beide hier bleiben ist die Gefahr groß, dass wir beide heute keinen Spaß haben werden. Zudem soll morgen schönes Wetter werden und sie ist garantiert genervt, wenn sie dann nicht faul am Strand liegen kann. Die letzte Option als einzige Möglichkeit? Selbst ein Schafi wird ihr Gemüt nicht so sehr aufhellen, dass ich ihr das Spielzeug zeugen kann und sie nicht total ausflippt. Ich bin unzufrieden. Streue hier und da ein „aha“ in das Gespräch und frage nach. „Ah … Martin ist gefahren. Wie war es?“

 

„Er ist gut gefahren.“

 

„Ich kenn ihn ja als Raser.“

 

„Nein …“, sie sehen sich an. „Die Raser hat er ziehen lassen.“

 

Nach dem Mittagessen, als wir alleine in der Küche sind, gehe ich auf sie zu, ziehe sie an mich. „Ich freue mich auf heut Abend.“, lächle ich ihr zu und gebe mir Mühe, dass es meine Augen erreicht.

 

„Du … Liebi, es soll ein so schön sonniges Wochenende werden. Wollen wir nicht lieber an den See fahren?“ Ich spüre, wie das Lächeln aus meinen Augen verschwindet.

 

„Ich habe mir schon gedacht, dass du etwas in der Richtung sagen wirst … und ich würde lieber mit dir hier weggehen … aber ich weiß, dass du gnatschig sein wirst, wenn wir es nicht tun.“

 

„Oh, supii!“, strahlt sie mich an. „Du bist mein Liebii!“ Wenn ihr unser Wiedersehen nur solche Freude bereitet hätte …

 

Gegen 15 Uhr treffen wir bei ihr zu Hause ein. Ich bin eigentlich ganz gut aufgelegt und mache ein paar Witze über die Muttitaschen im Kofferraum und auf die Kosten der beiden anderen Männer. „Tschüss! Jetzt bist du alleine, da kannst du auch mal einen ziehen lassen.“, scherze ich beim Abschied ihres Vaters. Kollektives Lachen. Shooting Star strahlt mich mit funkelnden Augen an. „Komm, wir fahren gleich weiter zum See.“, fordere ich sie auf, als ihr Vater weg ist.

 

„Aber es ist schon soo spät. Bis wir da sind, ist die Sonne weg. Ich geh mich lieber im Garten auf einen Liegestuhl legen. Den Bikini hab ich bereits drunter.“, zwinkert sie mir zu. Das Wetter ist soo schön, lass uns an den See fahren! Schießen mir ihre Worte durch den Kopf. Ich schüttle nur fassungslos darüber meinen Kopf, wie schnell sie ihre Ansichten wechselt und hole meine Sachen aus dem Auto. Während sie sich bereits im Liegestuhl die Sonne auf ihren Körper scheinen lässt, packe ich das Schafi und den Beute aus, und überlege, auf welchem Weg ich es ihr zeigen sollte.

 

Neugierig luge ich durch das Dachbodenfenster. Sie hat sich wieder einmal eingeölt, glänzt und funkelt in der Sonne als wäre ihre Haut mit Silberfäden durchzogen. Erregende Vorfreude auf den Abend durchflutet mich. So, dass es auf jeden Fall ein Geräusch macht, öffne ich das Dachfenster, bleibe aber in Deckung. Langsam schiebe ich Schafis Kopf über den Fensterrahmen.

 

„Ein Schafiii!“, ertönt es prompt. „Wie süüß!“ Einige Male bewege ich das Schafi im Fenster hin und her, bevor ich schließlich zu ihr nach unten gehe. Ich schiebe den zweiten Liegestuhl dichter an sie heran.

 

„Wo ist Schafi?“, fragt sie mit ihrem Hundeblick.

„In dem Beutel.“

„Gib’s mir.“, fordert sie mich auf.

„Gleich hier?“, frage ich verschmitzt. „Dein Bruder steht wahrscheinlich noch am Fenster …“

„Schafi, mein ich.“ Sie streckt die Hand nach dem Beutel und ich reiche ihn ihr. Sie nimmt Schafi heraus, schaut neugierig hinein und beschließt anscheinend, den kleinen, roten Beutel zu ignorieren. Wortlos gibt sie mir den Beutel zurück und widmet sich sogleich dem Plüschtier.

„Schau mal!“, trällert sie, als sie es gegen die Sonne hält und mit dessen Kopf wippt. „Ist es nicht niedlich?“

„Wie Katzenbabys.“

„Machst du dich über mich lustig?“ Sie funkelt mich mit ihren grünen Augen an.

„Nicht doch.“, winke ich ab und nehme auf dem Liegestuhl Platz. In der Sonne ist es so heiß, dass ich mein T-Shirt ausziehen muss. „Was denkst du, steht auf den anderen Seiten der Würfel?“, frage ich sie vorsichtig.“

 

Sie sieht mich an und widmet sich dann wieder Schafi. „Du ziehst doch sonst nie dein Shirt aus.“, unkt sie. „Bestimmt so etwas wie: Blasen und massieren.“, wirft sie beiläufig nach einigen Momenten ein.

 

„Unter anderem.“, gebe ich zu und reiche sie ihr. Sie dreht sie ein paar Mal und gibt sie mir auf der flachen Hand zurück.

 

„Du findest es blöd.“, stelle ich gelangweilt fest. War zu erwarten.

Sie sieht mich an. Schüttelt nach einiger Zeit den Kopf. „Hast du nur die Würfel gekauft?“, will sie wissen, während sie mir einen von beiden wieder abnimmt und anfängt zu würfeln.

 

„Nein. Ich habe noch mehr eingekauft.“, antworte ich und würfle mit dem anderen.

 

„Anfassen.“

„Füße.“ Ich beuge mich nach vorn.

„Oh … nicht die Füße. Die sind jetzt ganz schmutzig.“ Ihre Stirn bildet Falten. Unwillkürlich verzieht sich mein Mund und ich würfle nochmal. Hände kann man sich ohne weitere Probleme waschen.

 

„Nippel.“, fordere ich lächelnd. Sie gibt mir ihren Würfel zurück und widmet sich wieder Schafi. Ich lehne mich im Liegestuhl zurück und beobachte sie eine Weile. Wenn sie sich freut, sehe ich ihr gern zu. Sie ist dann unbeschwert und versteht es, jeden anderen in ihrer Umgebung mitzureißen. Leider hat diese Medaille eine tief gefurchte Kehrseite. „Dich interessiert überhaupt nicht, was noch in dem Beutel ist, oder?“

 

Sie hört auf, mit Schafi zu spielen. Ich meine zu bemerken, wie sie leicht in sich zusammensackt. „Wie soll Schafi heißen? Es braucht doch einen Namen. Was meinst du?“

 

Ich zucke mit den Schultern und Ohrfeige mich, dass ich mir bis dato noch keine Gedanken darüber gemacht habe. „Es sollte eine Verbindung zu unserem Urlaub herstellen.“

 

„Schafi?“ Sie hebt es wieder in die Luft

„Nein, so können wir es nicht nennen.“ Sie schüttelt den Kopf des Schafes und legt ihn schief.

„Die Stadt in der wir waren.“

„Senj … Senni?“ Ich stimme zu und sie lässt das Schaf nicken.

„Was ist in dem Beutel?“, fragt sie vor sich hin. Ich hole ihn und lasse sie hineinblicken.

„Neiin … Ach menno!“, entfährt es ihr, als sie die Liebeskugeln sieht. Was ist an denen so schlimm?

„Du hast also gleich erkannt, was es ist?“, frage ich, irritiert über ihre Reaktion.

„Ja … Shades of Grey.“, antwortet sie. Ich nicke wissend.

„Was ist jetzt so schlimm daran?“

„Ich will nicht … warum hast du das gekauft?“, fragt sie vorwurfsvoll.

 

„Weil ich möchte, dass unser Sex ist wie im Urlaub … aufregend!“ Insgeheim hoffe ich mit dem Gedanken an den Urlaub durch ihren Schild aus Abneigung zu stoßen und einen Hauch von Lust entfachen.“

 

„Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“ Sie sieht weg und starrt auf den Boden. Ich spüre, wie mein Gesichtsausdruck entgleist und bemühe mich um Fassung. Diesen Satz werde ich später auf meinen Zettel an der Wand schreiben. „Warum denkst du nur an Sex?“, wirft sie mir vor.

 

„Ich denke nur an Sex?“, wiederhole ich empört.

 

„Ich habe das Gefühl, seit ich aus dem Urlaub wieder da bin, redest du nur darüber … warum bist du überhaupt mitgekommen?“ Tränen kullern über ihre Wange.

 

„Ich bin mitgekommen, weil ich bei dir sein will und wir uns über eine Woche nicht gesehen haben …“, versuche ich sie mit sanfter Stimme zu beruhigen „… daher habe ich mich auch auf etwas Zweisamkeit mit dir gefreut. Ist das nach so einer Zeit nicht normal?“

 

„Ich … ich denke schon.“, stammelt sie. Wenigstens ein Hoffnungsschimmer. „Ich muss dann noch zu meiner Oma.“, erklärt sie. „Kommst du mit?“

 

„Gerne.“, antworte ich ruhig. Die Sonne wärmt immer noch, aber genießen kann ich es nicht. Meine Gedanken kreisen um die Frage, was noch zu retten ist. Sie legt weder körperliches Verlangen, noch ihre Herzlichkeit an den Tag. Seit dem Telefonat ist es anders als die Woche zuvor. Wie ein Keil drückt uns etwas auseinander. Die emotionale Distanz von vor dem Kroatienurlaub klopft an die Tür. Kann ich etwas tun? Will ich das überhaupt?

 

Bis zu ihrer Oma sind es 200 m. Sie geht in die Garage und verschwindet in der Nische, wo die Fahrräder stehen. „Was hast du vor?“, frage ich, obwohl die Antwort offensichtlich ist.

 

„Ich hol mir Fahrrad.“, antwortet sie sogleich.

„Es sind doch nur 200 m.“

„Na, und?“, höre ich sie trotzen.

„Komm, wir laufen.“

„Aber mein Knie! Ich kann doch nicht so gut laufen.“

 

Aber nächtelang tanzen und deinen Arsch an anderen Schwänzen … Ich schüttle nur meinen Kopf darüber, während ich zu ihr gehe. „Mach nicht blöde. Wir laufen!“, fordere ich im Befehlston und sehe ihr fest in die Augen. Blitze schleudern aus ihren grünen Augen.

 

„Menno.“, gibt sie nach. Ich kann es in ihren Augen knistern sehen.

 

„Komm!“ Ich reiche ihr eine Hand, doch sie geht schmollend an mir vorbei. Als wir nebeneinander auf dem Weg laufen, suche ich in mir, wo sich die gute Laune versteckt hält und zerre sie an die Oberfläche. „Weißt du, warum ich mit dir laufen wollte?“, trällre ich. Sie sieht mich fragend an und auf ihrer Stirn zeichnen sich feine Linien ab. Ich nehme ihre Hand, weil sie früher bemängelte, dass ich sie nicht festhalte. „Deswegen.“, lächle ich und schwinge wie im Kindergarten meinen Arm leicht nach vorn und hinten.

 

„Wenn du mich festhältst, schränkst du meine Bewegungsfreiheit ein.“, ist ihre Antwort. Sie klingt leicht scherzhaft. Doch das ist Fassade, dass weiß ich inzwischen. Ich sollte auf der Stelle nach Hause fahren, schießt es mir durch den Kopf. Doch dann würde sie sich heute Abend auf dem Dorffest mit ihm treffen oder ihren Arsch an weiteren Schwänzen reiben. Zwickmühle. „Dann halt nicht.“, kommentiere ich mein Loslassen ihrer Hand.

 

„Wir können gerne Händchenhalten.“ Beide Hände vergraben sich wie Maulwürfe in meinen Hosentaschen und ich widerstehe dem Drang, eine Faust zu ballen. Wortlose 150 m folgen.

 

Bei ihrer Oma erfahre ich zufällig, dass sie eventuell vorhat, am Dienstag zu einer Silberhochzeit hierher zu fahren und spreche sie auf dem Rückweg darauf an. „Wirst du am Dienstag zu der Silberhochzeit fahren?“ Ich bin gespannt auf ihre Antwort, da sie mir davon bisher nichts erzählt hat … so, wie von dem Dorffest.

 

„Ich weiß noch nicht … ich würde gerne, aber das hängt davon ab, wann ich am Mittwoch Reha habe.“

„Und die Termine bekommst du erst am Montag.“

„Genau.“

„Warum hast du mich nicht gefragt, ob ich mitkommen möchte?“, konfrontiere ich im Schlenderton.

„Ich weiß nicht …“

Zurzeit weißt du viele Sachen nicht.

„… ich weiß ja selbst noch nicht, ob ich hinfahren kann.“

 

Mir gefällt der Gedanke nicht, dass sie vielleicht sogar mit ihm dahin gehen könnte. „Auf … Familienevents, könnten wir uns schon noch als Paar zeigen.“, gebe ich ihr einen Denkanstoß.

„Familienevents?“

„Nennen wir es einfach so. Du sagst selber, dass dich deine Verwandten fragen, wo ich bin, wenn ich nicht mit hierher komme … das könntest du am Dienstag umgehen … und es klingt lustig.“

„Ja … da hast du recht. Das klingt gut.“ Ich lächle vor mich hin und sehe, dass sie ebenfalls zufrieden guckt.

Der Horizont tippt die Sonne an und allmählich umhüllt das Zwielicht die dörfische Umgebung. „Wollen wir wirklich an den See fahren?“, fragt sie gähnend.

„Ja, natürlich!“, stelle ich klar. „Es ist einer der Hauptgründe, warum wir überhaupt hier sind. Das kannst du jetzt nicht absagen.“

„Hm … na gut.“ Wäre Begeisterung eine Flüssigkeit, wäre sie trocken wie eine Wüste in einer Dürreperiode. Sie kippt das Fenster an. Gut hörbare Musik dringt aus der Ferne ins Zimmer. Sie steht regungslos vor dem Fenster und starrt hinaus.

„Was ist los?“, frage ich sanft, stelle mich hinter sie und berühre ihre Hüfte.

„Ich bin traurig.“ Wortlos warte ich, bis sie dies weiter ausführt. Sie starrt weiterhin aus dem Fenster. „Es ist das perfekte Dorffest-Wetter.“

 

Bemerkenswertes Taktgefühl. Erst will sie mit mir nicht aufs Dorffest und dann jammert sie nochmal, weil sie da nicht hin kann. „Lass uns dahin gehen.“, starte ich einen Versuch, sie zu überreden.

 

„Nein.“, antwortet sie geleiert, wobei sie sich vom Fenster entfernt und mich stehen lässt. Halb so wild, tanzen wir eben bei der Lasershow.

„Wann wollen wir nachher starten?“, möchte ich von ihr wissen, während ich mich zu ihr umdrehe und zusehe, wie sie anfängt, ihre Sachen für heut Abend zurechtzulegen.

„So gegen neun.“

„Warum so zeitig?“

„Gegen Mitternacht soll das Feuerwerk sein.“ Sie legt eine Fleecejacke, Pullover, Unterhose und Schal vor sich hin.

„Das war nicht die Antwort auf meine Frage … du willst dich ganz schön warm anziehen.“

„Wenn die Sonne weg ist, wird’s kalt.“, stellt sie im Lehrerton fest.

„Wenn wir tanzen, wird …“

„Aber wir tanzen da doch nicht. Da ist doch gar keine Musik.“

„Keine Musik?“, quellt es irritiert aus meinem Mund. „Du willst nicht zur Party?“

„Nöö … wir schauen uns die Show von der anderen Uferseite an.“

 

Wollte sie unbedingt hierher, damit sie nicht mit mir tanzen muss? Blöde Kuh! Und morgen kann sie sich in die Sonne legen. Ich fühle mich nicht zum ersten Mal in letzter Zeit richtig verarscht. „Na das wird bestimmt spannend.“, unke ich enttäuscht. Aber was soll’s? Schließlich kann ein Feuerwerk zu zweit sehr romantisch sein. Ich stelle mir vor, wie wir auf einer Decke im Sand sitzen, sie sich von vorn an mich lehnt und ich meine Arme um sie geschlungen habe. Kuschelzeit liegt in der Luft.

 

Nachdem sie es geschafft hatte, mich erneut zum Staunen zu bringen, als sie ihren Bruder gefragt hatte, wo er denn mit seinen Freunden sein wird und damit implizierte, sie wolle sich zu ihnen gesellen, er jedoch eindeutig abgelehnt hatte, ging es los. Völlige Dunkelheit empfing uns am Parkplatz. Nur die Sterne, die so klar wie ein Gebirgsfluss zu sehen waren, funkelten im Himmel. Wind peitschte uns vom See aus entgegen als wolle er verhindern, dass wir dort platznehmen. Unbeirrt suchten wir uns einen Platz in der Leere des Strandes, breiteten die Decke aus und beobachtet kurz, wie der grüne Laser den Himmel zerschnitt. Gerade als ich mich so positionieren will, dass wir kuscheln können, packt sie ihre Kamera aus, stellt sie aufs Stativ und fängt im Liegen an, dem Laser hinterherzuknipsen. Na toll. Ich ziehe den Reisverschluss meiner Jacke noch etwas höher und lege mich neben sie. In der Ferne sind Stimmen von Jugendlichen zu hören. Wahrscheinlich die Gruppe mit ihrem Bruder.

 

„Wie bei unserem Ostseeurlaub.“, rege ich ein Gespräch an.

„Ich glaub, da war es noch windiger.“

„Es ist kälter als gedacht.“, sage ich mit Bettstimme und drehe mich zu mir um. „Wir sollten uns gegenseitig wärmen.“

„Ja … leg deinen Arm auf mich.“, antwortet sie, während ich den Verschluss der Kamera im Dauerfeuer klicken höre. Für den Moment, gebe ich mich damit zufrieden.

„Ich hab Kopfweh.“, jammert sie nach einiger Zeit.“ „… und mir ist kalt.“

„Der Wind ist wirklich nervig.“, stimme ich zu.

„Fahren wir dann?

„Jetzt schon? Was ist mit dem Feuerwerk.“

„Es ist soo kalt!“, klagt sie erneut. „Die Lasershow ist auch nicht so toll wie letztes Jahr.“

„Hast du dich heut früh mit dem Jammerlappen gewaschen?“, scherze ich.

„Mach dich nicht über mich lustig, du Blödi.“

„Ist ja gut, wir fahren dann.“, willige ich ein, als eine besonders Stärke Böe die Wärme aus meiner Jacke entreißt.

 

Als ich gegen 22:30 Uhr aus dem Bad in ihr Zimmer komme, sind alle Lichter aus. Sie liegt bereits im Bett. Ihre Augen geschlossen. Die Musik des Dorffestes hämmert durch das Fenster. Kurz überlege ich, dorthin zu fahren.

 

Tolles Wiedersehen.

10.12.13 19:33, kommentieren