Sag ihr endlich, dass du sie liebst! Du König des schlechten Timings.

Eine dröhnende Schockwelle fegt durch das Traumland, reißt mich unaufhaltsam mit und ich reite auf ihr in die Realität, in der sie neben sich nach ihrem Handy sucht, um den Wecker abzustellen. Sie küsst mich auf die Wange.

„Guten Morgen!“, flüstert sie.

Ich lächle sie an. Dann schnellt mein Arm um ihren Bauch, als sie sich abwendet und aufstehen will. Sie sieht mich über ihre Schulter an, die Haare hat sie zu einem Zopf gebunden. Ich versuche sie mit einem Hundeblick zum Kuscheln zu bewegen.

„Aber nur ganz kurz kuscheln!“, mahnt sie und legt sich so hin, wie wir gestern eingeschlafen sind. Die Bettdecke ziehe ich bis zu ihrem Kopf hoch und hülle uns wie in einem warmen Kokon ein. Ihre weichen Lippen übersähen meinen Hals mit kleinen Küssen, die im Meer der Glücksmomente weiche Wellen schlagen. So muss ein Tag beginnen! „Genug gekuschelt.“, verkündet sie nach viel zu kurzer Zeit und gibt mir einen intensiveren Abschlusskuss auf meine linke Wange. Sie steht auf, geht ins Bad und ich in die Küche, um das Frühstück vorzubereiten. Nur mit einem schwarzen Top und einem rosa Puma-Hipster, den ich ihr geschenkt hatte, kommt sie in die Küche, geht zum Hängeschrank, stellt sich auf die Zehenspitzen und holt noch den Honig aus dem Regal.
„Ein umwerfendes Outfit für die Arbeit.“, grinse ich. „Ist das wegen deinem Chef?“
Sie wirft mir einen strengen Blick zu, ihre Augen funkeln mich an. „Der ist heut hoffentlich nicht da! Wenn der mich vollquatscht, komm ich heute gar nicht zum Arbeiten.“
„Wie lange willst du heute machen? Wann kann ich mit dir rechnen?“
„Das weiß ich noch nicht. Nicht so lange … ich hab keine Lust hinzugehen.“
Ich sehe sie erwartungsvoll an. „Dann bleib hier!“
Sie rollt die Augen. War das jetzt, weil sie gern hier bleiben will, es aber nicht kann? Oder weil sie findet, dass mein Vorschlag idiotisch ist? „Ich muss dahin.“, stellt sie genervt und energisch zu gleich fest. „Nach dem Fahrradurlaub geht die Reha los und ich muss auf meine Stunden kommen.“
„Schade. Sonst hätten wir nachher einen schönen Mittagsschlaf machen können.“
„Der wird verschoben.“, zwinkert sie mir zu.
„Apropos verschoben: Deine Frisur sitzt nicht.“, ärgere ich sie im Gegenzug.
Sie tastet behutsam ihre Haare ab, während mein schelmisches Grinsen immer größer wird. „Ich muss jetzt eh nochmal ins Bad.“, stellt sie fest, streckt mir ihre Zungenspitze entgegen und steht auf, um aus der Küche zu gehen. Ich schaue ihr nach und beobachte, wie ihr Hintern unter dem Top hervorlugt und sich im Takt ihrer Schritte bewegt. Ich ertappe mich dabei, wie ich wie Vogel zu Beginn des Films Superbad gucke. Mit einem kurzen Kopfschüttler verwehe ich meine Gedanken an ihr Gesäß wie auf einer Schütteltafel und räume den Tisch ab.
„Komm schnell wieder!“, fordere ich sie auf, als sie sich im Flur ihre braune Salewajacke überwirft.
„Mein Vati und mein Bruder werden wohl eher hier sein als ich.“
Meine schlimmsten Befürchtungen werden wahr. Dann werden wir tatsächlich keine Zeit für uns haben. Mein Mund verzieht sich unwillkürlich bei dem Gedanken. Sehr schade! „Gut zu wissen. Dann werde ich die Tür nicht mit einer Rose im Mund öffnen.“, unke ich. Sie wirft mir einen skeptischen Blick zu, als sie den zweiten Schuh zubindet. Dann richtet sie sich auf und langt mit ihren Augen nach einem Kuss, den ich ihr bereitwillig gebe. „Viel Spaß heute“, wünsche ich ihr, während sie aus der Tür tritt und ich sie an einem Ärmel festhalte.
„Danke, dir auch.“ Sie dreht sich um, lächelt mich an und gibt mir noch einen kurzen Kuss.
„Ich …“
„Ich hab dich lieb.“, fällt sie mir ins Wort.
„… ich dich auch.“, gebe ich zurück, obwohl es nicht dem entspricht, was ich sagen wollte. Bevor sie fährt, muss ich es ihr sagen!

Während der Minutenzeiger stetig wie ein Marathonläufer seine Runden dreht, schleicht sich immer wieder eine Frage in meine Gedanken: Wie sage ich ihr, dass ich sie liebe? Eigentlich kein Problem und trotzdem tue ich mich damit schwer. So schwer, dass sich diese wenigen Wörter bisher nicht über meine Lippen getraut haben. Passende Situationen gab es während unserer Beziehung reichlich. Warum habe ich sie ungenutzt vorbeiziehen lassen wie Sushi auf einem Fließband? Ob ich es ihr heute sagen kann? Ich muss! Ich werde! Ob sie eine ausgeklügelte und romantische Liebeserklärung erwartet? Naja, die Rose im Mund und Kerzen fallen aus, wenn die beiden da sind, scherze ich in Gedanken.

Als sie am Nachmittag wieder kommt, hat sie die beiden im Schlepptau. Tataa! Sie haben Kuchen mitgebracht, den wir bei Kaffee und Tee verzehren. Wir unterhalten uns über die Fahrradtour, darüber, was sie geplant und welche Unterkünfte sie haben werden, sowie übers Wetter, das viel Sonne verspricht.

„Es wird Zeit.“, verkündet ihr Vater und veranlasst damit alle Anwesenden sich von ihren Stühlen zu erheben.
„Zu welcher Uhrzeit werdet ihr nächste Woche ungefähr hier sein?“, will ich von ihm wissen. „Fahrt ihr früh los, oder werdet ihr vorher noch einen Ausflug machen?“
Er sieht die beiden anderen an. „Wir werden früh losfahren, wahrscheinlich am frühen Nachmittag oder zum Kaffee hier sein.“
„Gut. Ich werde mit Kaffee und Tee auf euch warten. Ihr zwei fahrt anschließend gemeinsam weiter?“ Mein Blick wandert vom Vater zum Bruder. Am besten fordere ich sie auf, unten zu warten. Dann habe ich etwas Zeit, um ihr meine Liebe zu gestehen.
„So sieht’s aus.“, antwortet er, während ihr Bruder die Wohnung verlässt, um Gepäck ins Auto zu bringen.
„Oh, das weißt du noch gar nicht.“, schaltet sie sich ein und sieht mich an. „Ich werde nur kurz hier sein. Es findet eine Lasershow am See statt, die ich sehen will.“ Sie sieht mich verlegen an, um ihre Mundwinkel und auf der Stirn bilden sich kleine Falten.
Mir entgleist mein gesamtes Gesicht vor Überraschung. Alle Wörter verfliegen wie loser Sand im Wind und mit ihnen der Gedanke an eine Liebeserklärung. Denkt sie nicht daran, mich mitzunehmen? Will sie alleine dahin? Mit ihrem Bruder? Oder mit ihm? „Aha …“, stammle ich vor Ungläubigkeit. Ich sehe zu ihrem Vater. „Du kannst schon runtergehen, wir kommen sofort nach.“
„Beeilt euch!“ Er zieht die Tür hinter sich zu.
Ich behalte die Tür noch einen Augenblick fixiert, dann sehe ich sie an. Meine Hände umfassen ihre Hüfte. Ihre Arme sind um meinen Hals geschlungen, während ich ihr tief in die Augen sehe. „Willst du dich mit ihm treffen?“, frage ich vorsichtig.
„Wir … vielleicht.“, stammelt sie. „Wir haben uns noch nichts ausgemacht.“
Trauer und Verbitterung überfluten mich. „Und dann werdet ihr euch die Lasershow ansehen?“
„Ich weiß es nicht … eher nicht. Es … es findet ein Dorffest statt.“, gibt sie zu.
Ich versuche vergebens den bitteren Geschmack in meinem Mund herunterzuschlucken. Ein Dorffest. Sie will wieder mit ihm tanzen? Mist! Ist er doch nicht Geschichte? „Ihr habt euch zum Dorffest verabredet?“, hake ich mit schmalen Augen nach.
„Nein … haben wir nicht. Vielleicht wird er dort sein.“
„Wenn er sagt, dass er vielleicht dort sein wird, dann wird er garantiert dort sein!“
„Vielleicht … ich … ich hab gar keine Lust ihn zu treffen.“, offenbart sie mit ehrlichen Augen.

Der bittere Geschmack in meinem Mund schlägt in Honigsüße um und ich vollführe einen innerlichen Salto. Ich gebe ihr einen kurzen Kuss als Zeichen, dass mir ihre Aussage sehr gefällt.

„Du kannst ja mitkommen, wenn du willst.“, sagt sie zaghaft. Welche Tragweite ihre Worte haben würden, ahnte ich in diesem Moment nicht im Geringsten.
„Sehr gerne.“, erwidere ich und gebe ihr noch einen Kuss. Beflügelt von ihrer Einladung und ihrer Ablehnung ihm gegenüber, ziehe ich sie so dicht an mich, dass ich ihre Körperwärme durch ihre Kleidung hindurch spüren kann. Mit meiner Nasenspitze schiebe ich den seidenen Vorhang vor ihrem Ohr beiseite und hauche in langen Worten: „Ich liebe dich!“
Ihre Umarmung wird fester wie ein selbsthemmender Kletterknoten unter Last. Ich spüre, wie sie die Augen schließt und ihren Kopf seitlich an meinem Hals vergräbt. Ihr Atem geht beschleunigt sich, ihr Brustkorb hebt und senkt sich so ausladend wie ein riesiger Blasebalg. „Ich dich auch!“, flüstert sie mit vor Glück bebender Stimme, bevor sie plötzlich ihren Kopf hebt und mich mit Augen ansieht, die wie die sonnenbeschienende Adria funkeln und einen ewig dauernden Kuss fordern. Ich stille ihr Verlangen. Die Zeit verrinnt, während unsere Lippen unauflöslich verbunden sind wie zwei alte Bäume, deren Äste ineinander Ranken. Das Läuten der Klingel löst die Liebeswiese mit dem warmen Sommerwind und dem Gefühl, dass nur wir zwei zählen, auf. Wir sehen uns tief in die Augen. Stumm. Ich streichle ihr über die Wange. Dann gehen wir hinunter, wo die beiden bereits im Auto warten.

„Viel Spaß euch!“, tröte ich gut gelaunt durchs Fenster. Erneut gebe ich ihr einen Kuss, drücke sie fest an mich und sie tut es mir gleich. Ich öffne ihr die Tür im Fond des Fords, sodass sie einsteigen kann. Lächelnd wirft sie mir einen Kuss durch die Scheibe zu, den ich auffange. Dann noch einen.

Mit einem irritierendem Cocktail aus Glückseligkeit und Traurigkeit darüber, dass sie über eine Woche weit von mir entfern sein wird, sehe ich dem Auto nach, als es hinter dem Hügel auf unserer Straße verschwindet. Sie liebt mich! Ich will tanzen vor Berauschung, sehne das nächste Wochenende herbei wie Bodo Beutling auf seinem Abenteuer das Auenland.

6.10.13 23:26

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bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(26.11.13 22:30)
und? wie gings weiter? immer noch ein könig?


(6.12.13 18:40)
Danke für dein Interesse. Klar bin ich noch ein König! Der König von ... ach, mir macht das Schreiben viel zu viel Spaß, um mich kurz zu fassen.


(19.3.16 16:58)
du bist so goldig <3


(19.3.16 16:59)
don't mind, hatte dich noch in der favoritenliste.

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