Donnernder Donnerstag

Wie ein kleines Kind am Weihnachtstag freue ich mich darauf, mich von ihrer freundlichen, enthusiastischen und warmen Stimme mitreißen zu lassen. Wenn sie sich freut, gibt es nichts Schöneres als ihre Stimme zu hören. „Guten Morgen, mein Shooting Star! Ich freu mich auf heute Abend. Hab einen schönen Tag. <3“

 

Gegen Mittag erhalte ich eine Antwort: „Heute ist der Radweg nicht so schön und mein Knie schmerzt. L Ich weiß nicht warum. Verrätst du mir heut Abend die Überraschung? Ich bin schon soo gespannt! Du kannst sie mir auch flüstern <3“

 

„Sei vorsichtig, sonst werfen die dich bei der Reha am ersten Tag raus, weil du zu viel jammerst. Du müsstest dann einen Pflegeantrag bei mir stellen, aber ich weiß nicht, o du dir das leisten kannst.“

„Du willst mich massieren? Supii! <3“

 

„Wenn du frech wirst, werde ich deinem Knie nur gut zuflüstern und nichts an deinem Körper berühren.“ Ich möchte sie damit überraschen, dass ich mir eine Vodafone-Karte bestelle, zu der sie kostenlos telefonieren und schreiben kann. Darüber wird sie sich freuen.

 

„Hauptsache, ich bin bei dir <3“

 

Als am Abend die Zeiger der Wanduhr sich der Acht nähern, gehe ich nochmal alle Themen, über die ich mit ihr sprechen möchte, im Kopf durch und Vorfreude flutet durch meine Adern. Ich wähle ihre Nummer. Sie drückt mich weg. Ich hasse das! Aber wahrscheinlich sind sie noch am Essen. Eine Viertelstunde später klingelt sie mich an und ich rufe zurück. Sie nimmt ab.

 

„Liebii!“, schwingt ihre Stimme heiter aus dem Telefon.

 

„Hallo hübsches Fräulein.“

 

„Entschuldige bitte, wir waren noch Abendessen, da konnte ich nicht rausgehen.“

 

„Abendessen. Soso. Hat’s geschmeckt?“

 

„Hmmm, köstlich!“, schwärmt sie. „Es gab Hünchen-Sahne-Auflauf!“

 

„Klingt fantastisch.“

 

„Aber dafr ist unsere Unterkunft wiinzig! Hier kann nur eine Person stehen, so eng ist es. Und es existiert nur ein winziges Fenster ohne Ausblick.“

 

„Ihr habt es doch am besten.“, scherze ich. „Ich bin auf die Fotos eurer Zelle gespannt.“

 

„Hab schon tausendviele gemacht.“, trällert sie.

 

Ich muss lachen. Tausendviel hat sie schon lange nicht mehr gesagt. „Haben Unterkünfte eigentlich etwas mit Karma zu tun?“

 

„Warum Karma?“, fragt sie verdutzt.

 

„Ach, nicht so wichtig. Ich werde bestimmt hervorragend bei deiner Bildershow am Samstag schlafen.“, necke ich sie. Stille annektiert die Leitung. Ich höre, wie sie den Mund öffnet aber keine Worte folgen.

 

„… Aber ich bin am Samstag doch nur kurz da. So eine Stunde etwa.“ Ihre Stimme verdunkelt sich mit einem Mal, nimmt einen entschuldigenden aber endgültigen Ton an. „Ich lass mich doch von meinem Vati mitnehmen.“

 

„Das weiß ich.“, entgegne ich ruhig und freundlich. „Ich möchte mitkommen.“ Statt eines Begeisterungsausbruches vernehme ich nur Stille, die sich wie eine Ewigkeit zieht und wie ein drückender Schleier über unser Gespräch hängt. „Du willst doch alleine zu dem Dorffest?“, hake ich nach. Mir graut es vor der Antwort. Das bekannte ziehen in der Brust meldet sich.

 

„Eigentlich schon …“, antwortet sie zaghaft.

 

Unfassbar! Obwohl die Vorahnung dieser Antwort bereits durch meinen Kopf spukte, stürmt Entrüstung durch mich hindurch wie ein Geisterreiter, im Schlepptau eine Horde Ärger. Sie hinterlassen ein karges Feld der Verwüstung dort, wo früher gute Laune und Wörter gediehen. Eine dunkle Leere breitet sich in mir aus, wird nur von einem Gedanken durchzuckt: „Du willst dich mit ihm treffen.“, stelle ich monoton fest.

 

„Das steht noch nicht fest … eigentlich nicht.“ Und trotzdem will sie mich nicht dabei haben. Ich kenne den Grund … „Ist das in Ordnung für dich?“, will sie wissen.

 

Meint sie die Frage ernst? Statt einem Schafi solltest du Taktgefühl geschenkt bekommen. Natürlich ist das nicht in Ordnung! Ich hatte gedacht, das mit ihm sei vorbei … aber er hat Vodafone und sie kann ihm kostenlos schreiben. Wie toll. Verfickte Scheiße. Das würde ich ihr gern sagen aber ich weiß, dass das auf kein gutes Ergebnis zusteuern kann. Dann sind wir am Telefon zerstritten und sie wird definitiv alleine zum Dorffest gehen. Das ist nicht mein Ziel. Vielleicht kann ich das Gespräch noch drehen und sage abgemildert: „Begeistert bin ich nicht, wie du unschwer hören kannst.“ Da ich immer noch fassungslos bin und füge ich um Zeit u gewinnen an: „Tu, was du tun musst.“

 

Sie nimmt es an und bricht mit kalter Stimme nach einiger Zeit das Schweigen: „Wie war dein Tag?“

 

„Bis eben sehr schön.“, gebe ich eben s kühl zurück. „Ich hatte mich sehr darauf gefreut, mit dir zu telefonieren … und dich wiederzusehen.“ Die Monotonie in meiner Stimme erschreckt mich selber. Ist es verwunderlich? Ihr Verhalten ist inakzeptabel! Ich unterdrücke den Drang, einfach aufzulegen. „Wie geht’s deinem Knie?“, frage ich stattdessen.

 

„Der Schmerz hatte am Nachmittag nachgelassen. Alles wieder gut.“ Gezwungener konnte eine Antwort nicht klingen.

 

„Freut mich.“, lüge ich in diesem Moment.

 

„Wir haben viele Biberspuren am Wegesrand gesehen.“, nimmt sie das Gespräch wieder auf.

 

„Keine Biber?“

 

„Nein, nur die Schleifspuren neben dem Radweg. Da war ein Maisfeld, wo sie sich welchen klauen gehen und dann schleifen sie ihn zum Ufer.“

 

„Interessant.“, töne ich desinteressierter als ich bin, da ich das eigentlich ganz witzig finde. „Was habt ihr heut Abend noch vor?“

 

„Nichts weiter. Wir werden Karten spielen.“

 

„Hmm.“ Mehr Worte habe ich für sie nicht übrig. Damit hat sich‘s auch mit der Idee, das Gespräch zu wenden.

 

„Du bist sauer, oder?“, stellt sie nach einiger Zeit der Ruhe fest.

 

„Ein wenig.“, lüge ich. Sie muss sich doch denken können, dass ich so sauer wie ein Karren voller Zitronen bin. Olle Hibbe!

 

„Warum?“, fragt sie allen Ernstes.

 

„Weil ich dich öfter gefragt habe, ob wir gemeinsam weggehen. Feiern, Tanzen, Kino … Und nie wolltest du! … aber mit Anderen gehst du aus?!“

 

„Naja … ich gehe in Dresden aus dem gleichen Grund nicht mit dir weg, warum ich nicht mit dir auf Dorffeste gehe: Es bringt mir nichts!“ Ihre Worte hämmern wie eine Zwergenarmee in meinem Kopf. Hinterlassen tiefe Abdrücke. Eine Woge der Fassungslosigkeit bricht zusammen mit einer Vielzahl von Gedanken über mich herein. Ein Gedanke dominiert: Daher weht also der Wind. Von wegen: Es ist das Schönste bei dir zu sein. So schön, dass ich immer müde werde. Mein Magen krampft. Tief atme ich ein, doch die erhoffte Beruhigung bleibt aus. Mein Herz schlägt bis zum Hals und das Einzige, was ich für lange Zeit höre, ist mein eigener Atem. Anscheinend merkt sie, wie sehr sie gerade eben ins Klo gegriffen hat und nimmt ihre Ausführung nach einer Pause wieder auf. „… aber … du weißt doch, dass wir nicht zusammen tanzen.“

 

„Das habe ich dir im Urlaub schon erklärt!“, unterbreche ich sie genervt, weil sie immer den gleichen Vorwand anbringt. „Nur weil ich einmal mit dir ohne Körperkontakt tanzen wollte, heißt das noch nicht, dass wir nicht zusammen tanzen können!“ Dass ich meine Freunde, mit denen wir damals weg waren, nicht in Verlegenheit bringen wollte, gehört auch dazu! Außerdem kann man auch gut ohne Körperkontakt tanzen!

 

„Ich … du hast ja recht.“, gibt sie zögernd zu. Gewendet! „… ich … ich gehe aber auf Dorffeste, um Leute kennenzulernen …“ Um deinen Arsch an anderen Schwänzen zu reiben. „… um zu tanzen … Das Problem ist dann, dass du mein Freund bist … und … Und du deinen Arsch nicht an anderen Schwänzen reiben kannst. Großartig! Bei ihren letzten Worten schießen mir unaufhaltsam die Tränen in die Augen. Die Sicht verschwimmt und ist trüb wie hinter Milchglas. Mein Herz setzt einen Schlag aus. Ich bekomm kaum noch Luft und meine Brust zieht sich zusammen. Der Tisch bietet mir Halt. Ich sacke auf den Stuhl. Ohne Worte lege ich auf.

Erklärungsversuch geglückt, Shooting Star. Von einer Scheiße in eine noch größere gelangt. Dein Taktgefühl ist wirklich umgekehrt proportional zu deiner Schönheit. Vernunft bezwingt den Drang, das Handy einfach gegen die Wand zu schleudern. Den Kopf in den Händen, warte ich auf ihren Rückruf, um sich zu entschuldigen.

 

Es passiert nichts. Minutenlang nichts.

 

Bei dem Gedanken jetzt mit ihr zu reden und eine fadenscheinige Entschuldigung zu hören muss ich würgen. Ich gehe duschen und drehe den Wasserhahn ganz nach links. Das dampfende Wasser rinnt an mir herab, doch die quälenden Gedanken, der Schmerz ihrer Worte bleiben wie Teer an mir haften. Tränen mischen sich unter das Duschwasser und zerreißen beim Aufprall wie sie meine Gefühle. Eine halbe Stunde später steige ich aus der Sauna, die das Badezimmer inzwischen ist. Wie in Trance nehme ich das Handy. Keine Anrufe. Eine SMS.

 

„Oh man Liebi, ich hab dich sowas von lieb, aber ich werde meine Meinung in Bezug auf Dorffeste mit dir nicht ändern.“

 

Grandios! Einfach Grandios! Wenn das keine Entschuldigung ist, dann verkauft der Bäcker um die Ecke demnächst Hackfleisch. Ich werfe das Handy zurück aufs Sofa, raufe meine Haare und laufe mehrmals im Kreis. Der zerreißende Schmerz in der Brust scheint es sich dort bequem zu machen und noch ein Feuer zu entzünden. Zweifel nagen jetzt an mir. Sollte ich sie alleine auf Dorffeste gehen lassen? Mit dem Wissen darum, was sie dort treibt? Würde sich das positiv auf unsere Beziehung auswirken? Hoffnung, du blöde Schlampe … was für Gedanken sähst du in meinem Kopf?

 

Ich nehme Stift und Papier, um meine Gedanken aufzuschreiben. Um ihre Worte aus meinem Kopf zu bekommen. Ihre Damoklesschwerter. Als ich den letzten Punkt setzte, stehen auf dem tränenbefleckten Papier folgende Zeilen, die schon bald Nachwuchs bekommen werden:

 

Vielleicht sollten wir uns nicht mehr küssen!

 

Wir sollten aufhören zu sagen, dass wir zusammen sind.

 

Ich gehe in Dresden aus dem gleichen Grund nicht mit dir weg, warum ich nicht mit dir auf Dorffeste gehe: ES BRINGT MIR NICHTS!

 

Das Problem ist, dass du dann mein Freund bist … und …

 

Den Zettel hänge ich gut sichtbar neben die Zimmertür. Von der Couch aus starre ich ihn an und fühle bei jedem Wort, wie sich glühende Steine vom Hals abwärts bewegen. Die Steine fallen nicht von meinem Herzen. Sie sammeln sich dort wie eine drückende Last. Der Schmerz ebbt nicht ab, so wie erhofft. Bedrückt wende ich meinen Blick ab, mache Liegestützen bis zur Erschöpfung und wiederhole bei jedem: „Es ist vorbei!“

6.12.13 18:37

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